Die Bahai Religion
Die Bahai Religion
Die Bahai Religion ist das Ergebnis einer Wiederkunftserwartung im Islam schiitischer Richtung. Obwohl erst im letzten Jahrhundert entstanden, reichen die Wurzeln in die Anfänge der Islam-Geschichte zurück.
Nach der Ermordung Alis, des Schwiegersohnes des Propheten Mohammed und vierten Kalifen(arab.: Nachfolger), kam es zur Spaltung der islamischen Gemeinde. Alis Anhänger verweigerten den neuen Kalifen den Gehorsam, weil sie nicht Blutsverwandte Mohammeds waren und bildeten die Schiat Ali, die Partei Alis. Dem Imam (arab.: Vorbild) stellten sie den Kalifen gegenüber. Die Reihe der Schiitischen Führer endete mit dem 12. Imam al Mahdi, der in einer transzendenten Verborgenheit entrückt ist, erst am jüngsten Tag soll er wiederkommen und der Botschaft Mohammeds zum weltweiten Sieg verhelfen.
Diese Messiassehnsucht ließ innerhalb der Schia viele Schulen und Sekten entstehen, die alle auf das baldige Kommen des endzeitlichen Mahdi oder Messias hinweisen. Ein Kaufmann aus Shiraz, Mitglied einer der den enthusiastischen Mahdi Kult pflegenden Sekte trat 1844 mit dem Anspruch auf, ein Wegbereiter des Mahdi zu sein. Von seinen Anhängern wurde er Hazrat-al Bab - Tür zum Imam genannt. Kurz danach gab er zu verstehen, dass in ihm selbst der Mahdi erschienen sei. Er sah sich berufen, dem Koran ein eigenes heiliges Buch (Bayan: Erklärung) entgegenzusetzen, indem er u.a. die Gleichsetzung der Frau forderte. Für die Orthodoxen war der Tatbestand der Häresie (Irrlehre oder Ketzerei) gegeben. Nach Verkündung der Unabhängigkeit vom Islam wurde der Bab 1850 öffentlich hingerichtet.
Er hatte einen Nachfolger ernannt, der schwach war und durch seinen älteren Halbbruder ersetzt wurde. Beide wurden von der osmanischen Regierung verbannt. Im April 1863 war er mit dem Anspruch an die Öffentlichkeit getreten, dass er der verheißene Mahdi sei, während der Bab nur ein Vorläufer gewesen sein sollte. Er nannte sich Baha’ullah -Herrlichkeit Gottes und begann sogleich mit der Niederschrift zahlreicher Manifestationen zum Beweis. Darauf wandten sich viele von Bab und dem Bruder ab und Baha’ullah zu, was wieder zu Intrigen und Unruhen führte.
1873 stellte er dem Koran sein eigenes Buch Kitab al Aqdas das Buch der Gesetze gegenüber und schuf die neue Bahai Religion.
Er starb 1892 in Akka, dies ist seither die heiligste Stätte der Bahai und Ziel ihrer Pilgerfahrt. Sein Sohn Abdul-Baha verlegte seinen Wohnsitz nach Haifa, das seither der Hauptsitz der Organisation ist.
Von 1910 bis 1914 unternahm er ausgedehnte Missionsreisen nach Europa und Amerika. Enkel führten die Sache weiter und organisierten die weltweite Verbreitung des Glaubens und den administrativen Aufbau. Als es 1963 keine Erben mehr gab, übernahmen 9 Hände Gottes, eine Art Führungskollektiv, vorläufig die Geschicke der Gemeinschaft.
Die Lehre:
Zentrales Element des Bahai-Glaubens ist die zyklische Gottesoffenbarung, indem Gott in bestimmten Zeiträumen göttliche Erzieher schickt. Folglich sind die großen Religionen nur Vorläufer und Baha’ullah war auch nicht der letzte Gesandte. Die Bahai erwarten eine Weltregierung im Sinne von Solidarität, Gerechtigkeit und dem Überwinden von kulturellen und territorialen Grenzen. Ebenso erwarten sie dass die Mitglieder dieser Weltregierung als Bevollmächtigte der ganzen Menschheit Gesetze erlassen werden, die das Leben aller Rassen und Völker in geregelte Bahnen lenken. Einer Weltvollzugsmacht steht eine nationale Truppe zu Verfügung, um den getroffenen Entscheidungen Nachdruck zu verleihen. Bei eventuell noch auftretenden Streitfällen entscheidet ein Weltschiedsgerichtshof. Ein Weltverkehr umspannt den ganzen Planeten ohne Hindernisse, und eine Weltmetropole bildet den Mittelpunkt der Weltzivilisation. Eine Weltsprache wird entweder erfunden oder aus den vorhandenen Nationalsprachen ausgewählt und an jeder Schule neben der Heimatsprache gelehrt. Gleichzeitig werden eine Weltschrift entwickelt und einheitliche Währungs-, Gewichts- und Maßsysteme eingeführt, um das Leben der Menschheit zu vereinfachen. Die beiden stärksten Kräfte des Menschen, Wissenschaft und Religion, werden miteinander ausgesöhnt und arbeiten harmonisch zusammen. Die Presse soll nicht mehr von privaten und wirtschaftlichen Interessen missbraucht werden.
Ich möchte hier nur einige der zwölf für mich wichtigsten ethischen Grundsätze der Bahai erwähnen:
Alle Religionen haben eine gemeinsame Grundlage; Mann und Frau haben die gleichen Rechte; der Weltfriede muss verwirklicht werden; die sozialen Fragen müssen gelöst werden; es muss ein Weltschiedsgerichtshof eingesetzt werden.
Diese teils nachvollziehbaren, teils schwer erreichbaren Grundsätze bilden die Basis des Bahai Glaubens.
Ein paar Worte zum Gottesdienst und der Praxis. Es gibt in dieser Glaubensgemeinschaft keine Rituale. Die Zahl Neun gilt jedoch als heilige und vollkommene Zahl. An jedem ersten eines Monats nach ihrem Kalender, der das Jahr in 19 Monate zu 19 Tagen einteilt, halten die Gläubigen das Glaubensfest ab. Es besteht aus den drei Teilen Andacht, Beratung und Geselligkeit. Nicht-Bahai dürfen nicht teilnehmen. Eine ähnliche Vorgehensweise wie bei unserer Tempelarbeit, bei der Profane ausgeschlossen sind. Andere Aktivitäten wie Kurse, Kinderunterricht und Gebete stehen allen offen.
Die Bahai sollen täglich beten, morgens und abends in heiligen Schriften lesen und darüber „meditieren“.
Im März gibt es eine 19-tägige Fastenzeit. Von Bedeutung ist, wieder ähnlich unserer Freimaurerischen Praxis, tätige Nächstenliebe und die Meidung von hitzigen Diskussionen über Themen, die zu Streit führen könnten. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Vorschriften:
Alkohol und Drogen sind verboten, ebenso wie Askese, Mönchstum, Beichte, Feuerbestattung, Glücksspiel und Bettelei. Und wie bei uns Freimaurern sind die Gläubigen zu Gehorsam gegenüber der Regierung ihres Landes verpflichtet Außer die Regierung wird deutlich, d.h. von anderen Ländern als totalitäre erkannt. In diesem Fall werden die Bahai ebenso wie Freimaurer jedoch sowieso verboten(z.B. Iran). Parteipolitische Aktivitäten oder Demonstrationen werden missbilligt, Engagement in Jugendgruppen, Friedensbewegung und Umweltschutzbewegungen, die nicht parteipolitisch gebunden sind, wird ausdrücklich gefördert.
Um dem Bahai Glauben beizutreten findet bei der Geburt keine rituelle Aufnahme wie bei den abrahamitischen Religionen Islam und Judentum statt. Ebenso brechen Bahai mit der rituellen Beschneidung. Als Bahai definiert sich jeder, der sich, mindestens 15-jährig, zum Glauben erklärt, d.h. dass er/sie Baha’ullah als Manifestation Gottes für dieses Zeitalter anerkennt. Zum 15. Geburtstag unterschreibt der Jugendliche seine Erklärungskarte und schickt sie an den Nationalen Geistigen Rat. Dieser prüft die Erklärung und schickt ein Willkommensschreiben und eine offizielle Bestätigung. Die Erklärung wird nicht gefeiert wie eine Konfirmation oder Bar Mizwa, aber die Familie kann dennoch andere Gläubige einladen und diese Erklärung festlich begehen.
Auch spontane Beitritte sind möglich, denn Bahai verlangen nicht, dass man vorher einen Unterricht besucht hat Allerdings bleibt offen, wann man genug über die Bahai Ansichten weiss, um der Bahai Glaubensgemeinschaft beizutreten. Natürlich steht es jedem frei, Kurse oder Studiengruppen zu besuchen, um sich vorzubereiten. Plant man einen Übertritt, wendet man sich schriftlich an die nationale Instanz, um dadurch Kontakt zu den Bahai der Stadt zu erlangen.
Im Folgenden möchte ich kurz noch die Organisationsstruktur beschreiben. Die Bahai kennen keine Geistlichkeit oder Priester, es ist also eine Laienreligion. Die Organisation besteht aus gewählten und ernannten Verantwortlichen.
Das höchste Gremium ist das Universale Haus der Gerechtigkeit in Haifa. Es hat neun Mitglieder, die alle fünf Jahre von den nationalen Körperschaften gewählt werden, wobei Frauen nicht wählbar sind. Entscheidungen dieses Hauses gelten als unfehlbar. Es bestimmt Ratsgremien für die Kontinente; diese wählen Hilfsamtsmitglieder usw. Länder sind in Wahleinheiten aufgeteilt, wo Delegierte gewählt werden, die die Nationalen Geistigen Räte wählen. Diese administrativen Organe werden demokratisch-geheim gewählt, Wahlkampf ist untersagt, niemand erfährt, wie welches Mitglied gestimmt hat, sodass die Wähler nicht feststellen können, welche Haltung ihr gewählter Kandidat einnimmt. Die Gremien sind gegenüber den Wählern und vor allem Gott gegenüber verantwortlich.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Austritt aus der Bahai Gemeinschaft. Dies ist lediglich eine formale Prozedur, ein Wille der schriftlich formuliert wird und beim Nationalen Geistigen Rat eines Landes eingehen muss. Gründe könnten sein: Gläubige wollen politisches Parteimitglied werden, Gottesleugnung auf Grund von Schicksalsschlägen und Konflikte mit der Bahai-Organisation. Interessanter Weise müssen in wilder Ehe lebende, gleich ob hetero oder homosexuell, und Gläubige die in der Öffentlichkeit Alkohol trinken, ebenfalls austreten. Dies bringt Verheiratete in Konflikte, denn Bahai brechen die Kontakte zu den meisten ehemaligen Mitgliedern ab. Der Ehepartner steht dann vor der schwierigen Entscheidung, sich dem Abweichler anzuschließen und ebenfalls gemieden werden oder sich gegebenenfalls scheiden zu lassen, wenn er den Kontakt zu den Bahai aufrechterhalten möchte.
Abschließend meine allgemeine Beurteilung aus christlicher Sicht. Die Religion, so man Bahaiismus als solche bezeichnen darf, hat einen autoritären Grundcharakter und das Ziel einer absoluten theokratischen Weltherrschaft. Die Entscheidungen der Gremien sind unanfechtbar und Austritte haben eine Ächtung oder Meidung, ähnlich wie bei der Scientology Sekte, zur Folge, was Austrittswillige oder Ausgeschlossene in psychologische Bedrängnis bringt.
In der Behauptung, dass Baha’ullah der wiedergekommene Messias oder Mahdi ist, kommt der Überlegenheits-Anspruch des Bahai-Glaubens zum Ausdruck. Aufgrund seiner besonderen Tradition kann sich der Bahaismus überall dort als fortschrittlich und sozial präsentieren, wo der Islam als gesetzliche Buchreligion auftritt.
Ich bin überzeugt, dass einige Punkte als durchaus erstrebenswert erscheinen, andere sicher abzulehnen sind. Möge ein jeder nach seiner Facon selig werden, wie unser berühmter Bruder sagte.
