Toleranz und möglicherweise ihre Grenzen
Br. Peter Voigts, JL. "Am Berge der Schönheit" i.O. Berlin
Toleranz und möglicherweise ihre Grenzen
Gerade zu Beginn des neuen Maurerjahres möchte ich mich mit diesem wichtigen Thema befassen und hoffentlich Anregungen und Vorschläge zu ausgeprägten Diskussionen liefern.
Liebe Brüder stellt euch folgende Geschichte vor: Ein Nachbar berichtet, sein Freund wolle eine Jüdin heiraten, das Aufgebot sei schon bestellt. Kurz vor der Trauung finden sie heraus, dass sie Geschwister sind, und zu allem Überfluss sind sie auch noch Kinder eines Moslems. Die Hochzeit wird abgesagt; da aber alle Gäste bereits anwesend sind, wird beschlossen, einen Verein zur Förderung der Toleranz unter den Religionen zu gründen.
Dieses ist nicht der Inhalt einer Seifenoper, sondern, wir alle kennen das Original, eine extreme Zusammenfassung der Ringparabel von Lessing; sie soll hier nicht weiter betrachtet werden, ebenso wie deren Vorläuferliteratur.
Sobald der Begriff Toleranz benutzt wird, spendet man dem Redner höchste Aufmerksamkeit und zollt ihm Respekt, egal welchen sprachlichen und gedanklichen Unsinn er von sich geben mag. So gibt es heute zahlreiche Preise, Medaillen und Auszeichnungen für Toleranz, die sich die sogenannten wichtigen Personen des öffentlichen Lebens gegenseitig verleihen, um sich damit zu schmücken.
Doch was ist Toleranz oder was sollte sie sein?
Die Toleranz bezieht, bzw. beschränkt sich ursprünglich und begrifflich auf die Sphäre der Religion, später meint man auch die Weltanschauung. Heute fasst man den Begriff der Toleranz weiter, demnach ist Toleranz ein Geltenlassen und Gewährenlassen anderer Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten, gemeint ist damit auch häufig die Anerkennung einer Gleichberechtigung unterschiedlicher Individuen. Im politischen und gesellschaftlichen Bereich gilt Toleranz auch als die Antwort einer offenen Gesellschaft und ihres verbindlichen Wertesystems gegenüber Minderheiten mit abweichenden Überzeugungen, die sich in das herrschende System nicht ohne weiteres integrieren lassen, wodurch die offene Gesellschaft im Grunde zu einer geschlossenen Gesellschaft wird. Insofern schützt die Toleranz ein bestehendes System, da fremde Auffassungen zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht zwangsläufig übernommen werden. Die Toleranz schützt aber auch die Träger einer Minderheitsmeinung vor Repression und gilt somit als Grundbedingung für
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Humanität. In diesen Zusammenhängen ist Toleranz auch die Vorbedingung einer friedlichen und theoretischen Auseinandersetzung um konkurrierende Wahrheitsansprüche.
Die Befürwortung von Toleranz gilt in der Ideengeschichte auch als ein Hinweis auf eine allmähliche Differenzierung von Staat und Kirche, was nicht gleichbedeutend mit einer säkularen Gesellschaft ist, siehe z.B. die USA, aber für die Durchsetzung eines gesellschaftlichen Pluralismus. Entscheidend war in diesem Zusammenhang das Zurückdrängen absoluter Geltungsansprüche einzelner religiöser Richtungen, insbesondere der katholischen Kirche, in Politik und Rechtsprechung, wobei gerade der Islam, in seiner konservativsten Ausprägung sowie die katholische Kirche hier erschreckender weise den Zeitgeist immer noch nicht erkannt haben und an ihrer Unfehlbarkeit festhalten, man denke hier nur an die verzweifelten Versuche des Papstes Benedikt XVI, oder an den Aufstand der Kirchen in Berlin gegen die Ladenöffnungen am Sonntag, denen ging es nicht um die Interessen der Arbeitnehmer.
Toleranz setzt grundsätzlich eine eigene, tragfähige Meinung, Intelligenz und Kreativität voraus; gleichzeitig ist es unerlässlich, dass Intoleranz nicht hingenommen wird. Akzeptanz ist in diesem Zusammenhang nicht identisch mit Toleranz, auch wenn diese Begriffe oft verwechselt werden; was man akzeptiert, toleriert man nicht nur, sondern man ist mit ihm auch einverstanden, auch wenn man es für sich selbst nicht anwenden möchte.
Ebenso hat Ignoranz auch nichts mit Toleranz zu tun; Toleranz setzt grundsätzlich voraus, dass man andere Meinungen zur Kenntnis nimmt und auch bewertet, selbstverständlich muss man sie nicht teilen. Toleranz fordert von uns, andere selbst dann zu akzeptieren und ihre Praktiken zuzulassen, wenn wir diese zutiefst missbilligen, wobei wir hier sofort in einen Konflikt geraten, denn Angriffe auf die von unserer Gesellschaft festgelegten und praktizierten Normen (Gesetze und Regeln) können und dürfen nicht hingenommen werden, dieses wäre eine Einmischung in die sogenannten „inneren Angelegenheiten“, ein Begriff, der übrigens in den 1960er und 1970er Jahren von dem sogenannten Ostblock reichlich missbraucht wurde.
Der nächste Konflikt taucht sofort auf, wenn eine nahe stehende oder sehr geschätzte Person eine Meinung vertritt, die gegen alle unsere Ansichten, Vorstellungen und Ziele verstößt, was nun? Hier müssen wir klar zwischen der Person, die wir als solche respektieren und deren Meinung, die wir tolerieren, unterscheiden; Überzeugungen
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und Handlungen, die wir ablehnen, wohlgemerkt, wäre es anders, würde uns keine Selbstüberwindung abverlangt, so gäbe es auch nichts zu tolerieren. Das kann im Einzelfall sehr schwer sein, weil man gleichzeitig ja und nein sagen muss, da wir unter Umständen tief enttäuscht sind - hier ist innere Stärke gefragt.
Toleranz ist grundsätzlich ein Kennzeichen von Demokratie, also der offenen Gesellschaft. Offene Gesellschaft nennen wir die Gesellschaftsordnung, in der sich die Individuen persönlichen Entscheidungen gegenüber stehen, d.h., Tabus oder auch Ritualen wird kritisch gegenübergestanden, die eigene Intelligenz wird zum Hilfsmittel der Entscheidungsfindung. Im Gegensatz dazu wird die geschlossene Gesellschaft durch den Glauben an magische Tabus gekennzeichnet
Die Grenzen der Toleranz
Toleranz bedingt eine Ablehnungs- und eine Akzeptanzkomponente. Die Grenze der Toleranz wird erreicht, wenn die Ablehnungskomponente größer ist als die Akzeptanzkomponente. Der österreichische Philosoph Karl Popper sagte bereits 1945
in seinem Werk, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde: „Wenn wir unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen“.
Dieses Postulat fordert ganz Eindeutig, dass eine offene Gesellschaft ihre Ideale und Errungenschaften schützen muss.
Henryk M. Broder formuliert diesen Zusammenhang in seiner Kritik der reinen Toleranz erheblich deutlicher: „Ich bin bei Lesungen aus diesem Buch oft gefragt worden, ob Toleranz gegenüber Intoleranten am Ende nicht doch besser wäre als Intoleranz im Dienste der Freiheit. Ob an dem Satz: „Der Klügere gibt nach“, nicht doch etwas dran wäre. Nein. Es haben sich schon genug Dumme durchgesetzt“. Broder ist mit dieser These leider nicht zu widerlegen, wie unsere „frei“ gewählten Volksvertreter uns anschaulich, fast täglich demonstrieren; so scheint es selbstverständlich zu sein, dass die Parlamentarier keine eigene Meinung haben brauchen, denn es ist ja ausreichend, dass der Parteivorsitzende eine hat.
Broder geht in seiner oben zitierten polemischen Schrift sogar so weit, dass er offen zur Intoleranz gegenüber Intoleranten auffordert, weil viele rechtsstaatlichen Verfahrensweisen dem normalen Bürger nicht mehr vermittelbar seien, hierbei übersieht er allerdings, dass es in der Regel nur wenige sind, die unser Wertesystem
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bis zur Schmerzgrenze ausnutzen; deshalb unsere Wertvorstellungen fallweise aufzugeben, macht keinen Sinn, denn dann wären wir auch nicht besser als diese Frevler, hier hilft nur Aufklärung der Bevölkerung und, falls notwendig, die rechtsstaatliche Verfolgung.
Grundsätzlich muss zwischen der Bedrohung durch Gruppen und Einzeltätern unterschieden werden; Einzelne, die durch Intoleranz auffallen und dann vielleicht noch unsere Toleranz ausnutzen, sind zwar ärgerlich und lästig, etwa wie Fliegen oder Mücken, jedoch sollte eine über Jahrzehnte oder Jahrhunderte gewachsene offene Gesellschaft tolerant und auch stark genug sein, diese zu verkraften, auch wenn die Einzelnen aufklärungsresistent sein sollten.
Problematischer wird es jedoch, wenn große Gruppen mit ihren Wertvorstellungen, die mittelalterlich, religiös geprägt sind, versuchen, unsere offene Gesellschaft zu unterlaufen, nicht jedoch ohne alle Vorteile unserer Gesellschaft in Anspruch zu nehmen. Dieses zuzulassen wäre nicht Toleranz sondern Dummheit.
Hier drängt sich das Problem „Grenzen der Toleranz“ auf. Wie lässt sich die schwere Kunst der Duldsamkeit vereinen mit der – nicht minder schweren und nicht minder notwendigen – Kunst der Unduldsamkeit? Was darf gestattet, was muss verweigert werden, ohne sich dem Vorwurf der Willkür auszusetzen?
Die Idee der offenen Gesellschaft ist der Bezugsrahmen aller weiteren Überlegungen. Gemeint ist damit eine Gesellschaft, die als demokratischer und sozialer Rechts- und Verfassungsstaat organisiert ist, also auf dem Prinzip der Volkssouveränität beruht, das Mehrheitsprinzip mitsamt Minderheitenschutz praktiziert, die Grund- und Menschenrechte achtet und insofern einen säkularen Charakter hat.
Wegen dieser großartigen liberalen Errungenschaften, die in der Regel Hand in Hand gehen mit hohen Sozialstandards, übt die offene Gesellschaft auf viele Menschen außerhalb ihrer Grenzen eine geradezu magische Magnetwirkung aus. Nicht wenige kommen aus muslimischen Ländern und strafen bereits durch diese „Abstimmung mit den Füßen“ die fromme Legende Lügen, unter dem Islam herrschten menschenwürdige Verhältnisse; dabei werden die meisten Muslime von anderen Muslimen durch Attentate umgebracht.
Für viele muslimische Migranten bedeuten die Verhältnisse in der offenen Gesellschaft einen schweren und dauerhaften Kulturschock. Sie erleben gerade die freiheitlichen Errungenschaften, deretwegen sie gekommen sind, zwar als
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faszinierend, aber zugleich auch als gottlos, seelenlos, schamlos und sittenlos, ihre Vorstellungskraft reicht offenbar nicht aus, sich andere Lebensformen vorstellen zu können. Denn sie widersprechen dem patriachalischen Menschenbild und Gesellschaftsmodell des Islam ihrer Herkunftsländer. So bleibt das Problem, wie ehrlich können die Bekenntnisse von muslimischen Verbänden und ihren Repräsentanten zu den tragenden Prinzipien der säkularen Demokratie gemeint sein, was ist Taktik und Strategie?
Diese Frage drängt sich auf, nicht etwa aus reaktionärer Fremdenfeindlichkeit, sondern aus aufgeklärter Kenntnis islamischer Gepflogenheiten. Gemeint ist der Kampf gegen die Ungläubigen, im Kampf um den weltweiten Sieg des Islam ist auch Täuschung durch Verstellung gestattet, wenn nicht sogar geboten. Nutzen die Muslime also unsere Religions- und Versammlungsfreiheit nur aus oder bejahen sie sie auch als Wert an sich? Hier drängen sich ernsthafte Zweifel auf, wenn wir nur an ein paar wenige, wenn auch spektakuläre Ereignisse denken, die wir nicht tolerieren können und wollen: Die Verfolgung von Salman Rushdie, die Hasstiraden nach Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in einer kleinen dänischen Zeitung, die Hinrichtung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh, das Attentat auf den Ground Zero usw.
Unsere Verfassung schützt jegliche Art der Religionsausübung, nur muss jeder, der sich auf die Religionsfreiheit beruft, auch die anderen Paragraphen unserer Verfassung einhalten.
Niemand wird als Christ, Muslim, Jude, Hindu oder Atheist geboren. Wir alle werden als Mensch geboren, religionslos, weltanschauungslos, bindungslos und hilflos; erst danach müssen wir, ohne dass wir gefragt werden könnten, einer Religion zwangsbeitreten; für Kinder gilt das Menschenrecht der Religionsfreiheit offensichtlich nicht. Von daher fehlen der christlichen Säuglingstaufe sowie der jüdischen und muslimischen Beschneidung jede ethische und juristische Legitimation, wobei bei den Juden und Muslimen noch von vorsätzlicher Körperverletzung gesprochen werden muss. Diese archaischen Initiationriten eröffnen eine Zwangsmitgliedschaft in einer Religion und sind daher menschenrechtswidrig. Zur Religionsfreiheit gehört grundsätzlich das Prinzip der Freiwilligkeit des Eintritts und der Möglichkeit des Austritts ohne Furcht vor irgendwelchen Repressalien sowie das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Erst wenn diese Grundrechte von allen beachtet werden und die einzelnen Religionen um Ihre Mitglieder werben müssten, dürfte allen klar sein, dass es keine bessere, sondern nur andere Religionen gibt, erst dann dürfte es zur friedlichen Koexistens der Religionen kommen.
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Liebe Brüder, auch wenn es nicht notwendig ist, so will ich Euch doch alle auffordern, gerade zu Beginn des neuen Maurerjahres in Euch zu gehen und mit gutem Beispiel in unserer Gesellschaft voranzugehen und Toleranz zu leben und nicht nur über sie zu sprechen; das kann, wie Ihr alle wisst, bei ganz alltäglichen Dingen geschehen wie z.B. sollen die Raucher die Nichtraucher tolerieren oder die Nichtraucher die Raucher und sich damit gesundheitlichen Gefahren aussetzen oder sollte hier etwa ein Kompromiss möglich sein, usw., es gibt sicherlich ganz viele einfache, alltägliche Beispiele, liebe Brüder denkt immer an den rauen Stein!
Es geschehe also
1.September 2011
